"Irgendwann ist personalisierte Ernährung mehr oder weniger eine Art Vakzinierung gegen Volkskrankheiten"

Bernd Buchholz im Gespräch mit Prof. Dr. Christian Sina.

Prof. Dr. med. Christian Sina ist Mitgründer von Perfood und Direktor am Institut für Ernährungsmedizin an der Universität zu Lübeck. Mit Wirtschaftsminister Bernd Buchholz spricht er darüber, wie personalisierte Ernährung präventiv vor Krankheiten schützen kann, wie sich Medizin und Digitalisierung miteinander vereinen lassen und welche Person ihn am meisten inspiriert hat.

 

 

 


 

 

Bernd Buchholz: Moin aus Kiel und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge meines Podcast „Echte Chancen“. Mein Name ist Bernd Buchholz. Ich bin Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein und ich diskutiere in meinem Podcast mit Menschen aus dem echten Norden. Menschen, die mit Herzblut anpacken und gestalten. Wir sprechen über Erfolge, Perspektiven in Zukunftsbranchen, über Chancen und Herausforderungen, natürlich auch darüber, was man von der Politik erwartet – wenn man zum Beispiel Professor an einer Universität ist, sich mit individualisierter Ernährung beschäftigt und dann auch noch eine Ausgründung betreibt. Bei mir ist heute Professor Dr. Christian Sina, Direktor am Institut für Ernährungsmedizin an der Universität zu Lübeck und Mitgründer des Startups „Perfood“. Schön, dass Sie da sind, Herr Professor Sina.


Prof. Dr. Sina: Vielen Dank für die Einladung.

Perfood und Sie als Professor beschäftigen sich mit individualisierter Ernährung. Was soll das sein?

Ja, das ist natürlich eine berechtigte Frage. Generell müssen wir sagen, Ernährungsmedizin beschäftigt sich mit der Prävention und der Therapie ernährungsbedingter Erkrankungen. Nur die Frage ist: Wie machen wir das möglichst…

Das bedarf einer ersten kurzen Übersetzung. Also: Ernährung soll vorsorgen und präventiv wirken, dass ich nicht erkranke.

Absolut. Also die drei Komponenten, die wir unter personalisierte Ernährung vereinen, ist ganz wichtig der Geschmack. Es bringt also nichts, jemandem irgendetwas zu empfehlen, was er nicht isst, weil es nicht gerne mag. Das ist ganz wichtig. Der zweite Punkt ist die Tolerabilität: Es muss also nicht nur gut schmecken, es muss auch verdaulich sein. Jemandem mit einer Milchzuckerunverträglichkeit Milchprodukte zu empfehlen, macht natürlich gar keinen Sinn. Und der dritte Punkt, das ist der gesundheitliche Effekt – und darum geht's tatsächlich. Wir werden in unserer Gesellschaft immer dicker: Das Thema Adipositas spielt eine riesige Rolle und wir haben mittlerweile mehr adipöse Menschen als untergewichtig Menschen, weltweit betrachtet. Und das zieht ganz viele Probleme auf sich. Das Thema Arteriosklerose spielt eine große Rolle. Das Thema kardiovaskuläre Erkrankungen hängt auch mit da dran.

Kardiovaskuläre Erkrankung, Sie müssen noch einmal erklären.

Herzinfarkt, Schlaganfall, vaskuläre Demenz – also alles Dinge, die wir nicht haben wollen, die uns vor einem gesunden Altern abhalten. Und wir wissen, dass über die Ernährung ein ganz wichtiger Faktor angesprochen werden kann: denn genau diese Erkrankungen präventiv anzugehen, indem wir einfach das aussuchen, was uns nicht nur gut bekommt, sondern wir auch einen gesundheitlichen Benefit davon haben.

Herr Professor, Sie sind ursprünglich Mediziner, nicht Ernährungswissenschaftler. Also Sie kommen von der medizinischen Seite. Warum beschäftigt sich ein Mediziner gerade mit dieser Seite? Ist das in der Vergangenheit nicht genügend betrachtet worden, welchen Einfluss Ernährung auf meine langfristige Gesundheit hat?

Ja, es ist immer versucht worden, das zu tun, aber ich glaube nicht, mit der notwendigen Intensität, die dieses Thema eigentlich bedarf. Als Ernährungsmediziner sind wir ja so ein bisschen eine Querschnittsdisziplin aus Medizin und Ernährungswissenschaft. Also beide Dinge kommen zueinander. Und ich glaube, man muss diese beiden Dinge gut kombinieren, um wirklich Antworten auf die Ernährung der Zukunft finden zu können. Und das ist der Beweggrund, auch als Mediziner dies zu tun, letztendlich in diesen Präventionsbereich mit hineinzugehen.

Da müssen wir jetzt nochmal etwas genauer hinschauen: Denn individualisierte Ernährung, die präventiv wirken soll, medizinisch positiv, da würde ich jetzt mal sagen: Okay, ich stelle an mir selbst fest, was mir selbst guttut, und das esse ich dann. Und dann wird das schon hoffentlich mir auch langfristig guttun. Das ist ja nicht der Ansatz, sondern individualisiert heißt ja für Sie, in Form auch einer Diagnose, was in diesem Augenblick dem Körper wirklich guttut.

Genau. Also das, was Sie zuerst angesprochen haben, was ich glaube, was für mich gut ist, muss ja nicht unbedingt das sein, was auch faktisch tatsächlich gut ist. Wir sind ja selber, sag ich mal, genetisch immer noch in der Steinzeit. Das bedeutet eigentlich viel Kalorien, viel Fett, viel Salz – Das sind so die Zutaten, die wir brauchen, damit wir gefühlt letztendlich irgendwie unserem Bedürfnis nachkommen, uns ausreichend mit Kalorien zu sättigen. Das ist aber in so einer Umwelt, in der wir leben, das heißt, wenig Bewegung und viel hochkalorische Nahrung, natürlich detrimental. Das bedeutet, hier haben wir ein riesiges Problem – und das sehen wir halt auf der Straße. Und hier geht es tatsächlich darum, intelligente Lösungen zu finden, um letztendlich eine Vereinheitlichung hinzubekommen, nicht nur, was mir schmeckt, was ich glaube, mir guttut, sondern was faktisch auch messdatenbasiert und objektivierbar nachweisbar ist.

Und das ist etwas, was Sie universitär erforschen? Also, was ist jetzt für bestimmte Typen von Menschen einfach wirklich auch etwas, was medizinisch als Ernährung guttut.

Ja, dieses „Guttun“ … also wir gehen natürlich erst einmal ernährungsmedizinisch vom Gesundheitsaspekt aus. Das heißt, wir fragen uns, was sind es für Parameter, die wir beeinflussen können, von denen wir wissen, wenn sie dann ein besonderes Ausmaß haben, dass sie der Gesundheit entweder zuträglich oder abträglich sind. Und das ist das, was wir eigentlich erforschen. Also anhand von Biomarkern, anhand von Surrogatwerten tatsächlich uns dieser Biologie nähern und versuchen, möglichst objektivierbar dann Aussagen über gut oder auch schlecht zu treffen. Und das in einem individuellen Kontext.

Und dabei kommen dann die Aussagen raus, die ich sowieso überall nachlesen kann? Also nach dem Motto: Viel Gemüse tut dir gut und keinen Alkohol trinken und möglichst wenig Kohlenhydrate zu dir nehmen oder so – oder individualisierter? Es muss ja irgendwie mehr sein als diese generalisierenden Aussagen.

Absolut. Also die Übersetzung des Ganzen ist, dass allgemeine Ernährungsempfehlungen natürlich nicht schlecht sind. Sie haben ihre Berechtigung, wenn wir uns alle so ernähren, wie es zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vorgibt, dann haben wir auf die Gesamtgesellschaft gesehen ich glaube einen relativ guten Benefit, und damit ernähren wir uns schon relativ gut. Jetzt geht es aber um Nuancen, es geht um Risiken, die wir individuell in uns tragen. Das bedeutet, für denjenigen, der schlank ist, viel Sport macht, keine Risikofaktoren hat, auch keine Familienanamnese, die auf eine ernährungsbedingte Krankheit letztendlich schließen lässt, dass er diese im Laufe seines Lebens entwickeln wird, da muss man sagen, der braucht seine Ernährung nicht entsprechend individuell anzupassen, der soll das essen, was ihm bekommt, sollte aufs Körpergewicht achten, und damit haben wir glaube ich erst einmal diese Person davon befreit, sich individuell ernähren zu müssen. Aber wir haben durchaus doch ziemlich viele Menschen, auch bereits bei uns im Lande, die eben an Übergewicht leiden, die Adipositas dann entwickeln im Laufe ihres Lebens, die Risiken haben. Und hier muss man schon überlegen: Kann man das nicht intelligenter, als mit pauschalen Ernährungsempfehlungen angehen?

Und das heißt, das Ganze beginnt in Wahrheit mit einer Diagnose darüber, wie der jeweilige Körper individuell angelegt ist und welche gegebenenfalls genetischen Vorthemen es dabei gibt – und darauf wird dann ernährungstechnisch eingegangen?

Ja, also wir selber gehen nicht so sehr auf die genetischen Voraussetzungen ein.

Könnte man aber.

Die spielen eine wichtige Rolle, man kann drauf eingehen. Wir gehen eher auf Stoffwechselthemen ein. Wir wissen, dass der individuelle Stoffwechsel sehr, sehr unterschiedlich ist. Das heißt, auf die identischen Mahlzeiten würden Sie und ich vermutlich komplett unterschiedlich reagieren.

Was heißt das? Wie stellen Sie das fest?

Wir haben zum Beispiel den Blutzuckerspiegel im Augenmerk, in unserem Fokus. Das heißt, wir können über kontinuierliche Glukosemessung den Glukosespiegel im Unterhautfettgewebe bestimmen, daraus dann schließen: Wie könnte der Blutzuckerspiegel in etwa sein? Und können dort anschauen, was treibt unseren Blutzuckerspiegel und was lässt ihn möglicherweise stabil.

Jetzt sind wir schon ziemlich bei einer Firma, die Sie gegründet haben und haben uns schon ein bisschen wegbewegt von dem Grundsätzlichen. Mir ist nochmal eins wichtig: dass diese individualisierte Ernährung eben nicht bedeutet, wie Sie es vorhin zurecht gesagt haben, dass man allgemeine Empfehlungen hat, die wir, wenn wir irgendwie einigermaßen gut unterwegs sind, sicherlich alle beachten können und dann geht's uns gut, sondern dass es eben Menschen gibt, die durchaus Vorerkrankungen, bestimmte Vorbelastung haben, bei denen Sie sagen: Wenn wir das diagnostisch erheben und feststellen, dann können wir euch mit einer besonderen Form von Ernährung helfen, gegebenenfalls präventiv dafür zu sorgen, dass Krankheiten nicht ausbrechen.

Genau. Das ist das Ziel dessen, was wir tun. Die Überlegung, eben in dieser Individualität das messbar zu machen, objektivierbar zu machen und Unterschiede auch klar zu adressieren.

So, mit dieser Grundsatzthematik sind Sie als Ernährungsmediziner unterwegs an einer Universität und haben dann den zweiten Schritt gemacht, eigentlich zu sagen: Naja, das wollen wir jetzt auch in Wertschöpfung umsetzen. Sie haben eine Firma gegründet, eine Firma ausgegründet, und gesagt: Mit dieser Firma, mit Perfood, wollen wir das auch wirtschaftlich an den Markt bringen. Wie kam es dazu?

Also das Ganze ging 2015 los. Mein Mitgründer, einer meiner Mitbegründer, Torsten Schröder und ich haben einen Kurs besucht, einen Ernährungsmediziner-Kurs und waren so mit dem, was uns dort vermittelt wurde, nicht hundertprozentig einverstanden. Dr. Schröder kommt aus der Diabetologie, ich aus der Gastroenterologie, wir sind eigentlich dort immer angehalten worden, auf Daten zu schauen – „evidence-based medicine“ heißt hier das Stichwort. Und plötzlich sind wir in einem Kontext, in dem wir uns wiedergefunden haben, da ging es sehr viel um Erfahrungswerte und wenig datengetriebenes. Und wir haben uns zu dem Zeitpunkt geschworen: Das müssen wir eigentlich ändern, wir wollen hier etwas bewegen. Wir wollen eine Objektivierbarkeit erzeugen, in dem, was Ernährungsmedizin sein kann. Haben durchaus das Potenzial gesehen, aber eben auch den aktuellen, oder den damalig aktuellen Zustand der Ernährungsmedizin und haben gesagt: Wie kriegen wir das nun gemanaged, anhand von großen Datenmengen und Formen von Digitalisierung hier Ernährungsmedizin zu betreiben? Und da gibt es zwei Wege letztendlich, einer dieser Wege ist über öffentliche Förderungen, Forschungsanträge. Da war unser Gefühl, dass das Thema so aktuell ist und eigentlich auch schneller bewegt werden muss, dass das nicht der Weg ist, den wir gehen wollen, und haben uns dann entschieden: Wir gründen. Und haben über ein Exist-Stipendium es dann tatsächlich geschafft, über ein Jahr Förderung zu bekommen und haben dann ein MVP gebaut, „minimal viable product“, um am Ende tatsächlich mit einem Produkt an den Markt zu gehen.

MVP gebaut, nochmal: Was ist das für ein Produkt?

Ein „minimal viable product“, dass wir sagen können: Ein Produkt, welches wir, ja, welches funktioniert, aber noch nicht die Endstufe erreicht hat.

Also ein Prototyp.

Absolut.

Und das ist jetzt genau die spannende Frage: Was ist denn das für ein Prototyp gewesen? Beziehungsweise: Was ist das Produkt, das Sie für die individualisierte Ernährung einsetzen und, das Sie mit Perfood an die Frau oder an den Mann bringen wollen?

Das sind also zwei große Bausteine oder zwei elementare Bausteine, die eine Rolle spielen. Zum einen ist es die Möglichkeit, kontinuierlich Glukose zu messen, also im weitesten Sinne Blutzuckerwerte über einen Zeitraum von 14 Tagen zu messen. Und auf der anderen Seite eine App…

Wie funktioniert das?

Es ist letztendlich ein für die Diabetologie entwickelter Sensor, der über die sogenannte Flash Glucose, dann über einen kleinen Faden, der in die Haut eingebracht wird, Glukosemoleküle nachweist.

Also habe ich mir das vorzustellen, als etwas, das aufgebracht, eingebracht wird und das permanent meinen Blutzuckerspiegel misst? Man kennt das ja teilweise aus der Werbung, dass man mit seinem Handy irgendwo von bestimmten Devices auf der Haut irgendwo den Blutzuckerspiegel abmisst. Sie haben etwas, das permanent über einen bestimmten Zeitraum misst.

Genau, also das Handy kann den Blutzuckerspiegel noch nicht messen. Es wird zwar immer wieder gesagt, also im neuen Samsung soll es enthalten sein, auch im Apple iPhone soll es dann demnächst kommen – aber das ist alles eine Ankündigung. Aktuell sind eben diese Devices noch so, dass sie aufgebracht werden auf die Haut oder in die Haut eingebracht werden. Mit diesen Devices ist es möglich, den Glukosewert zu bestimmen, und zwar alle 15 Minuten wird ein Messwert erhoben

Und das wird über 14 Tage gemacht, um festzustellen, wie sich mein Glukosespiegel, wie sich mein Blutzuckerspiegel so in der Regel nach Mahlzeiten, vor Mahlzeiten im Tagesverlauf bewegt.

Genau. Das Entscheidende ist, dass neben dieser kontinuierlichen Glukosemessung auch noch Eintragungen erfolgen in die App. Das heißt, wir können einen Zusammenhang zwischen: Washabe ich gegessen, und: Wie reagiert mein Stoffwechsel darauf, feststellen. Und das können wir in einem automatisierten Prozess dann so auswerten, dass wir nicht nur eine Aussage treffen können über die faktisch in diesen 14 Tagen verzehrten Mahlzeiten, sondern wir können approximieren, was das auch für Folgemahlzeiten bedeutet, die ich vielleicht gar nicht verzehrt habe.

Also muss ich mich 14 Tage dieses Prozederes unterwerfen, in dem zwar automatisch mein Blutzuckerspiegel gemessen wird, ich aber schön Buch darüber führe, was ich meinem Körper alles ernährungstechnisch zuführe. Und das wird dann nach 14 Tagen einmal komplett durch Sie ausgewertet?

Genau, da haben wir einen automatisierten Prozess. Da ist auch viel künstliche Intelligenz dabei in der Auswertung eben dieser Glukosekurven, in Abhängigkeit von dem, was gegessen worden ist. Das ist dann viel Rechenoperation, das sind viele Erfahrungswerte, aber eben auch viele Daten, die wir jetzt im Laufe der Zeit generieren durften, die eben jetzt in einer Art maschinellem Lernverfahren einen Algorithmus uns ermöglicht haben, mit dem wir diese Auswertung machen können. Die Crux dabei, diese 14 Tage, das ist für viele tatsächlich eine Herausforderung – selbst für mich. Aber wir haben die Erfahrung, dass wir über 14 Tage tatsächlich die besten Werte bekommen. Und wenn ich jetzt überlege: Ich investiere 14 Tage und habe dann über viele Jahre auch ein gutes, letztendlich ja für mich eigenes Regelwerk, nach dem ich mich ernähren kann – Ich glaube, dass es dann individuell sozusagen „verzeihbar“.

Wobei Herr Professor Sina, Sie sprachen von zwei Säulen. Das eine ist die Glukosemessung – und das andere?

Das andere ist die App.

Ist die App.

Die App, also, die nicht nur in der Lage ist, die Ernährung zu tracken, wo denn derjenige, der das Programm durchführt, das, was er isst, einzugeben in einem möglichst automatisierten Prozess. Wir haben einen Barcode-Reader dabei, wir arbeiten an Fotooptionen, um tatsächlich auch das Gegessene auch dann selbsterkennend zu analysieren. Auf der anderen Seite haben wir eben auch über die App die Möglichkeit, die Ernährung zu steuern und die Ernährungsempfehlungen dann an den Kunden jeweils zu geben.

Das heißt, nach der Analyse-Phase erfolgt dann über eine App für mich als Kunde, als Kundin, eine Empfehlung, was ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt am besten zu mir nehmen sollte.

Ich möchte es so formulieren: Eine Empfehlung, welche entlang Ihres eigenen Speiseplans und entlang Ihrer eigenen Ernährungspräferenzen eine Unterscheidung macht davon, was vielleicht tagtäglich gut ist und was vielleicht auf den Sonntagmorgen beschränkt, in diesem Falle vielleicht Brötchen oder so, reduziert dann zutreffen sollte. Wir wollen den Leuten nichts vorschreiben. Wir wollen also keine starren Regeln erstellen, wir wollen eine Anleitung geben, wo man über eine Anpassung oder über wenige Anpassungsschritte in die Alltags-Ernährung etwas integrieren kann.

Dieses Produkt ist jetzt für jedermann, oder vorrangig für bestimmte Gruppen von Menschen, die vielleicht unter Vorerkrankungen leiden?

Also irgendwann, so würde ich definieren, ist personalisierte Ernährung mehr oder weniger eine Art von Vakzinierung gegen Volkskrankheiten. Das heißt, irgendwann wird, müssen Sie sich vorstellen, sollte personalisierte Ernährung tatsächlich für jeden zugänglich sein. Aktuell empfinde ich personalisierte Ernährung besonders dafür besonders wirksam, wenn wir Risiken erkennen können, wenn wir wissen: Aha, Vater, Mutter hat in irgendeiner Weise eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, da könnte man mal nachschauen. Oder vielleicht besteht schon eine Vorstufe einer Erkrankung, also leichtes Übergewicht oder schon ein Bluthochdruck – da macht es sicherlich Sinn, genauer zu schauen.

Und jetzt, also nehmen wir mal an, ich hätte, was weiß ich, eine Mutter, die ein Schlaganfall-Risiko hat oder einen Schlaganfall schon mal gehabt hat und selber Bluthochdruck-Patient wäre, dann würde ich jetzt sagen: Mensch, ich gucke mal, ob das mein Produkt ist oder gehe ich zu meinem Arzt und der sagt: Versuchen Sie es doch mal damit?

Der Schritt zum Hausarzt ist sicherlich der erste Schritt. Also, das auch wirklich nachzuweisen, ob nicht schon bereits eine Vorerkrankung besteht, die dann auch eine medikamentöse Therapie benötigt. Das ist vollkommen losgelöst von der Tatsache, dass ich personalisierte Ernährung anbiete. Wenn es darum aber geht, kann ich möglicherweise meine Ernährung entsprechend anpassen, kann ich on top noch etwas tun, dann ist der Schritt Richtung personalisierte Ernährung sicherlich sinnvoll.

Mir geht es jetzt darum, okay, also ich stelle mir vor, es hört jetzt jemand zu und sagt: Mensch, das würde ich auch gerne mal ausprobieren. Was macht er dann? Geht er zum Arzt oder geht er irgendwo, meldet er sich bei Ihnen und sagt: Ich würde gerne Ihr Produkt ausprobieren?

Also das Produkt steht jedem frei, dies zu nutzen. Und es geht ja dabei letztendlich um Ernährung. Das heißt, es ist etwas, was ohnehin jeder für sich machen muss. Das Risiko, damit etwas richtig falsch zu machen, ist verschwindend gering. Damit etwas richtig Gutes zu erreichen, das ist relativ groß, sodass man sagen kann: Ja.

Das heißt, der Zielmarkt für Ihr Startup-Unternehmen ist eigentlich jedermann?

Ja, wenn Sie so wollen, kann man sagen, dass die zukünftige Entwicklung in der personalisierten Medizin, an der personalisierten Ernährungsmedizin, jedermann betrifft. Zum jetzigen Zeitpunkt kann es sicherlich jeder ausprobieren. Die wirklich medizinische Indikation Notwendigkeit ergibt sich eben bezogen auf das persönliche Risikoprofil oder auch das Vorhandensein von Erkrankungen.

Und da haben Sie bestimmte besondere Risikogruppen auch mal ausgewählt und die besonders adressiert, richtig?

Ja. Wir wissen, dass wir zum Beispiel im Rahmen von digitalen Gesundheitsanwendungen, die wir aktuell bauen, bestimmte Krankheitsgruppen adressieren können. Das ist zum Beispiel die Migräne. Migräne hätten wir nie gedacht, aber ist bereits 1935 mal beschrieben worden als eine Erkrankung, die in Zusammenhang mit dem Blutzuckerspiegel steht. Wir haben ganz fantastische Vordaten erheben können, das ist im Rahmen einer Bachelorarbeit bei uns an der Universität erfolgt. Und das hat uns dann so auch optimistisch gestimmt, dieses Thema weiterzuverfolgen, bis mittlerweile auch wir eine prospektive Studie aktuell durchführen und ein entsprechendes Therapieprodukt, eine digitale Gesundheitsanwendung, im Zulassungsprozess haben.

Das heißt, Migräne ist tatsächlich so etwas, wo Sie sagen: Da haben wir erstaunlicherweise gezeigt, dass unser Thema, die individualisierte Ernährung, besonders gut präventiv wirken kann, um Migräneschübe zu verhindern.

 Ja, also ganz erstaunlich. Aber die prospektiven Daten sprechen da wirklich für sich.

Also, dann haben wir jetzt schon einen hohen Adressatenkreis, der hier draußen zuhört, weil Migräne ja tatsächlich auch schon eine weit verbreitete Erkrankungsform ist. Herr Professor Sina, Sie sind in Lübeck tätig. Was macht es so besonders interessant, in Lübeck ein solches Startup zu gründen?

Ja das sind verschiedenste Faktoren. Also, angefangen natürlich die Tradition, die Kaufmannschaft, das Interesse auch der Lübecker Geschäftsleute an den Aktivitäten, die wir tun. Auch die Bereitschaft, sich zu engagieren, nicht nur mit Rat und Tat, sondern eben auch in Folge oder in Form von Investitionen. Das ist ganz wichtig. Wir haben wirklich einen fantastischen Angel-Investoren-Bereich oder einen Kreis, der wirklich sehr, sehr hilfreich war – nicht nur am Anfang, sondern bis heute uns wichtige Tipps gibt. Verbunden damit die foodRegio, die Unternehmen, die Unternehmer, die sich dort auch bei uns investieren.

Das muss man erläutern: foodRegio ist bei uns ein Cluster von Unternehmen, in dem sich insbesondere Unternehmen der Ernährungsbranche zusammengeschlossen haben und ihre Aktivitäten vernetzen miteinander und sich dementsprechend über diese Vernetzung dann auch engagieren – zum Beispiel bei Ihnen mit dem Thema individualisierte Ernährung. Sie sprachen von den Angels und den Investoren dabei: Das heißt, es sind Unternehmen am Standort, die aus der Ernährungswirtschaft kommen?

Ja, also das waren unsere Erstinvestoren, die hier natürlich eine Affinität für das Thema hatten. Auch gesehen haben, welche Chancen in dem ganzen Thema stecken, also jenseits der ausgelatschten Wege, so möchte ich sagen, hier tatsächlich Innovation zu schaffen. Und das hat am Anfang unheimlich viel Auftrieb gegeben und, wie gesagt, bis heute haben wir hier tolle, mittlerweile Freunde, die uns unterstützen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Also etwas, was ich wirklich glaube, an dieser Stelle einmalig war.

Nun sind ja Freunde und Leute, die einen unterstützen, das eine, Finanzinvestoren wollen auch irgendwo sehen: Wo steht es denn jetzt mit dem Startup? Wie weit sind wir denn? Wo kommen wir denn da hin? Was gibt's jetzt: Gibt es Prototypen, gibt es erste Businesspläne für größere Anwendungen oder gibt es Umsätze, die sie schon generieren? Wo steht Perfood?

Also Perfood steht aktuell in der Serie A. Das heißt, wir haben die Finanzierungsrunde aus dem Angel-Bereich, aus dem Seed-Bereich jetzt letztendlich überwunden. Da muss man sagen, und das ist glaube ich ganz auch lobend hervorzuheben, gibt es natürlich auch Wirtschaftsförderung, von der wir unheimlich profitiert haben: WTSH, IBSH, mittelständische Beteiligungsgesellschaft et cetera, pp. Das war wirklich sehr, sehr hilfreich vom Angel-Bereich in die Serie A zu gehen. Jetzt haben wir Investoren im Serie A-Bereich, mit dem Lead Investor Boehringer Ingelheim, und das vereinfacht natürlich viele Dinge. Die Skalierung wird plötzlich einfacher, im Bereich Medical auch voranzugehen, ist natürlich da und als Aufgabe definiert und das ist das, was wir jetzt aktuell machen.

Die Vernetzung vor Ort mit den Unternehmen spielte eine wichtige Rolle beim Gründen in der Seed-Phase. Wir haben auch gesagt, dankenswerter Weise: Ja, von der öffentlichen Seite hat es auch Unterstützung gegeben. Wenn Sie als Mediziner in so einem Startup-Bereich nun reingegangen sind, was waren die besonderen Hürden, die sich Ihnen entgegengestellt haben? Wo war das größte Problem?

Also Herausforderungen haben wir natürlich viele, Probleme, muss man sagen, stellt sich in einem Startup eigentlich nicht. Das heißt, die Herausforderung, die, ja, das kommt natürlich bei vielen Startups dann auch vor: Wie können sie entsprechend ausreichend gut qualifizierte Leute an den Standort bekommen? Wie können sie sie halten? Wie können sie diese qualifiziert weiter entwickeln?

Ist das am Standort Lübeck auch ein Problem?

Nee, es ist eine Herausforderung, die fantastischen Absolventen, die wir an der Universität, als auch an der Hochschule haben, in Lübeck zu halten. Es ist doch so, dass ein Startup nicht die Preise mitgehen kann, die Gehaltsstrukturen, wie sie dann auch etablierte Firmen können. Das heißt, hier müssen sie sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und die Mitarbeitenden auch von der Idee letztendlich dann überzeugen.

Wie viele Mitarbeiter hat Perfood denn jetzt?

Aktuell sind wir bei knapp 25 Mitarbeitenden, Tendenz nach oben. Und das geht vom Entwickler Backend, Frontend eben über Datenanalysten, von Menschen, die sich mit der Regulatorik von Medizinprodukten beschäftigen, bis hin zu klinischen Studien, Designern, so möchte ich sagen. Also unheimlich viele Leute, die in diesen Prozess involviert sind.

Ein Unternehmen, ein aufstrebendes, junges Unternehmen im Bereich an der Schnittstelle zwischen Ernährungswirtschaft und Medizintechnik. Kann man das so sagen?

Absolut.

Lübeck ist ein Schwerpunkt-Standort für uns für Medizintechnik, auch durch die Nähe zum UKSH – und Sie sind der lebende Beweis dafür, dass diese Nähe zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, jedenfalls dann, wenn Menschen bereit sind, auch das wirtschaftlich umzusetzen und nicht nur forscherisch daran zu gehen, dass das durchaus in Form von Ausgründungen und Unternehmensgründungen gelingen kann. Wenn Sie mal träumen darüber: Wo steht Perfood in zehn Jahren, dann sagt heute Herr Professor Sina mir…

…Dass wir nicht nur die Ersten waren, die eine digitale, personalisierte Ernährungsmedizin anwendbar gemacht haben, sondern dass wir damit etwas geschaffen haben, was tatsächlich bei den Menschen ankommt. Ein ja, eine Unternehmung, die es erlaubt, tatsächlich die Ziele der Ernährungsmedizin besser umzusetzen. Das heißt, Prävention und Therapie ernährungsbedingter Erkrankungen zu machen. Wirtschaftlich gesehen könnte ich mir eben gut vorstellen, tatsächlich das Know-How in Lübeck zu belassen, zu wachsen, wirklich organisch zu wachsen und daraus eine Konzernstruktur dann auch zu bauen, um am Ende tatsächlich am Standort selber viele Jahre noch Erfolg zu haben.

Aber in Wahrheit spielen Sie auf einem Weltmarkt mit einer Idee, mit einer Entwicklung, die so weltweit schon ziemlich weit vorne ist.

Also die Anwendung, die wir bauen, davon gibt es wenig Beispiele auf der Welt, dass wir sagen können: Naja, im Bereich der Datenanalytik, auch der automatisierten Datenanalytik, sind wir tatsächlich aktuell führend. Und natürlich stellt sich die Frage, wie man internationalisieren kann. Welche Märkte können dafür entscheidend sein? Also hier auch der Blick in die USA zum Beispiel, der Blick auch ins übrige Europa. Das sind also Dinge, die natürlich eine Rolle spielen.

Wir haben ja eine Zusammenarbeit als Land, auch mit den USA. Wir haben ein Northern German Innovation Office in San Francisco. Sind Sie mit dem in Berührung gekommen?

 Ja! Also aus dem Gründerteam selber durften wir die die Fahrt ins Silicon Valley 2019 begleiten und die Eindrücke, die dort mitgebracht wurden, die waren fantastisch. Das wurde natürlich auch nochmal aufgearbeitet. Das sind also Einsichten, die sonst nicht vorhanden sind und über die wir natürlich sehr dankbar sind.

Ich glaube, das ist auch wichtig, dass wir diesen Blick, den die Amerikaner noch viel stärker auf die weltweiten Märkte und deshalb auf die Skaleneffekte setzen, dass wir den auch in Schleswig-Holstein den Unternehmensgründungen einmal mitgeben, weil da denkt man ja doch größer und anders und da denkt man auch in anderen Finanzierungsrunden, als wir. Herr Professor Sina, herzlichen Dank, dass Sie heute dabei waren. Zum Schluss meines Podcast gibt's immer noch so Fragen, die schnelle Fragen und schnelle Antworten bedeuten, und die schnellen Fragen heißen: Die besten Ideen habe ich…

… Wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, und zwar durch die Wälder Lauenburgs. Ganz fantastische Gegend. Dann kommen mir die besten Ideen.

Es ist auch noch schön bei uns vom Ambiente her!

Absolut!

Mein liebster Ort in Schleswig-Holstein ist…

… Zum einen die Wald- und Seenlandschaft rund um Ratzeburg, dort, wo wir heimisch sind. Aber auch meine alte Heimat Flensburger Förde.

Am meisten inspiriert hat mich…

Ja, das war tatsächlich ein Buch von Peter Thiel, dem Mitgründer von Paypal. „Zero to One“, also eine Startup-Fibel par excellence. Das ist tatsächlich eines der Bücher, was mich nachhaltig inspiriert hat.

Und das hat auch konkrete Auswirkungen für Ihre Startup Themen gehabt? Haben Sie daraus viel mitgenommen? Weil das ist ja in der Tat so eine Anwendungs-Fibel geradezu.

Ja, also das Denken, wie man im Startup nicht nur zu denken hat, sondern was auch tatsächlich funktioniert, welche Probleme, auch Herausforderungen gestellt werden. Das ist etwas, was glaube ich jedem zu empfehlen ist, der sich mit dem Thema Startup und auch Gründung beschäftigt.

Also wir wünschen uns, dass Perfood das erste echte „Einhorn“ in der Startup-Szene und Geschichte Schleswig-Holsteins wird. Das heißt Milliardenumsatz, der dann irgendwann einmal dabei rauskommen könnte. Weiß nicht, ob es so weit kommt, aber es ist jedenfalls ein Zeichen dafür, dass moderne, innovative, dynamische Entwicklungen in Schleswig-Holstein mit Menschen wie Prof. Christian Sina vorangetrieben werden. Schönen Dank für das Gespräch, schönen Dank, dass Sie dabei waren. Schönen Dank, dass Sie zugehört haben. Und seien Sie gerne auch beim nächsten Mal dabei, wenn ich einen anderen, neuen, spannenden Gast aus Schleswig-Holstein in meinem Podcast „Echte Chancen“ begrüßen kann. Herzlichen Dank Herr Professor Sina, dass Sie dabei waren.

Ja, vielen Dank.

 

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dr. Bernd Buchholz vor einem Mikrofon.
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